Aspekte zur Haltung von europäischen Landschildkröten

Kurzüberblick: Wie sieht eine artgerechte Haltung europäischer Landschildkröten aus?

(Testudo hermanni hermanni, T. h. boettgeri, Testudo marginata, Testudo graeca ibera)
Diese Pflegeanleitung dient als Erste Hilfe für eine artgerechte Haltung, ersetzt jedoch kein intensives Literaturstudium.

1) Grundverständnis: Schildkröten sind Wildtiere

Europäische Landschildkröten sind instinktgesteuerte Reptilien und dürfen nicht vermenschlicht werden. Sie sind nicht domestizierbar und bleiben immer Wildtiere. Hochheben, Streicheln und „Zuwendung“ bedeuten für sie oft Stress, weil sie dies instinktiv als Angriff eines Fressfeindes interpretieren. Dauerstress kann die Immunabwehr schwächen, zu schweren Erkrankungen und im schlimmsten Fall zum Tod führen. Schildkröten sind daher Beobachtungstiere und kein Spielzeug für Kinder. Bei richtiger Haltung können sie über 100 Jahre alt werden – viele Tiere erreichen das leider nicht, weil sie aus Unwissenheit falsch gepflegt werden.

2) Haltung nur im Garten – Terrarium ist abzulehnen

Eine optimale Haltung ist ohne sonnigen Garten nicht möglichTerrarienhaltung wird klar abgelehnt: zu wenig Platz, fehlendes natürliches Sonnenlicht (UVA/UVB), unzureichendes Tag-/Nacht-Temperaturgefälle und hohe Überhitzungsgefahr.

3) Gehege vor dem Kauf planen (und nicht als Einzeltier halten)

Vor der Anschaffung muss ein Außengehege an der sonnigsten Stelle gebaut werden – Morgensonneist besonders wichtig, damit die Tiere früh Wärme tanken und der Stoffwechsel optimal startet. Schildkröten sollten nicht einzeln gehalten werden, da sie in der Natur in losen Verbänden leben und Begegnungen für Sozialverhalten und Prägung wichtig sind.
Da Weibchen durch zu aufdringliche Männchen stark gestresst werden können, empfiehlt sich eine Verteilung von 1 Männchen auf 2–3 Weibchen.

4) Artenschutz & Meldepflicht

Alle europäischen Landschildkröten unterliegen strengen Artenschutzregeln. Kauf/Verkauf ist nur mit Vermarktungsgenehmigung sowie lückenloser Fotodokumentation oder Transponder erlaubt. Nach dem Kauf ist eine sofortige Meldung bei der zuständigen Behörde (Untere Landschaftsbehörde) verpflichtend; die Dokumentation muss fortgeführt werden.

5) Frühbeet/Gewächshaus ist Pflicht – mit Technik für Klima & Sicherheit

Wegen des Klimas ist ein stabiles Frühbeet oder Gewächshaus (z. B. Beckmann) praktisch unverzichtbar: Es schafft ein günstiges Mikroklima, schützt nachts vor Fressfeinden (u. a. Marder, Fuchs, Ratten, Krähen) und hilft in Übergangszeiten.
Wichtig sind:

  • Wärmelampe (z. B. Halogenstrahler, je nach Größe 150–300 W)
  • Frostwächter (über Thermo-/Zeitschaltuhren gesteuert)
  • Fensterheber zwingend gegen Überhitzung
    Temperaturziel: nachts 10–12 °C (nicht deutlich höher), tagsüber ca. 20 °C Umgebung, aber im Sonnen-/Lichtkegel mind. 35 °C, besser 40–45 °C, damit die Tiere schnell auf ca. 35 °C Körpertemperatur kommen.

Die Tiere müssen selbst wählen können, ob sie im Schutzhaus bleiben oder ins Freigehege gehen.

6) Gehegegröße & Struktur: lieber „naturnah“ als nur groß

Die Fläche richtet sich nach Tierzahl und wächst idealerweise mit. Für wenige Jungtiere reichen anfangs 1–2 m², adulte Tiere brauchen deutlich mehr (für 3 Tiere mindestens ca. 20 m²). Entscheidend ist aber vor allem die Struktur: reine Rasenflächen sind ungeeignet.
Wichtig sind:

  • wasserdurchlässiger Boden (Kies/Sand/Steine)
  • Sonnenplätze und viele Verstecke (Büsche, Wurzeln, Steine)
  • Hügel/Legehügel, abwechslungsreiches Gelände
  • Umrandung mind. 30 cmnicht durchsichtig, ausbruchs- und einbruchssicher
  • kein Glas oder Maschendraht (Verletzungsgefahr)

7) Fütterung: Wildkräuter statt „Küchenfutter“

Ideal ist, wenn im Gehege viele Futterpflanzen wachsen: Wildkräuter und Wiesenpflanzen (z. B. Löwenzahn in Mischung, Klee, Malven, Wegerich, Disteln, Korbblütler etc.). Je abwechslungsreicher, desto besser. Pflanzen von kargen Böden sind oft rohfaserreicher. Getrocknete Wiesenkräuter können die Verdauung unterstützen.
Achtung: Eibe, Rhododendron, Azalee, Engelstrompete, Christrose sind tödlich.
Täglich frisches Wasser in flachen Schalen ist Pflicht.

8) Feuchtigkeit & Kalk – wichtig für gesundes Wachstum

Vor allem Jungtiere brauchen ein feuchtes Milieu, sonst drohen höckriges Wachstum, Gicht und Organschäden. Eine feuchte Ecke im Frühbeet ist sinnvoll.
Kalkbedarf deckt man über Sepiaschalen oder zerstoßene gekochte Eierschalen (ins Gehege, nicht übers Futter). Handelspräparate werden als unnötig/ungeeignet beschrieben.

9) Ungeeignete Nahrung

Ungeeignet sind u. a. Hunde-/KatzenfutterObstGemüseSalate (Ausnahme: Romanasalat in Maßen), TomatenBrotNudelnGetreide. Ausnahme: Möhre kann gelegentlich angeboten werden.

10) Winterstarre gehört dazu

Eine korrekt durchgeführte Winterstarre ist Teil des natürlichen Rhythmus – auch Schlüpflinge sollen starren. Dauerbaden zur „Darmentleerung“ gilt als überholt und schädlich, da Darmbakterien erhalten bleiben müssen.
Möglichkeiten:

  • Starre im Kühlschrank bei 3–6 °C (Substrat feucht halten, wöchentlich lüften/prüfen)
  • oder naturnäher im Frühbeet/Gewächshaus, dann Frostschutz gegen unter 0 °C
    Wichtig: über 8 °C kann ein unvollständiger Stoffwechsel gefährlich werden, unter 0 °C drohen Erfrierungen.

11) Tierarzt: Reptilienspezialist statt „Standardpraxis“

Bei Krankheit/Verletzung sollte man frühzeitig einen reptilienkundigen Tierarzt kennen, da viele „normale“ Praxen zu Reptilien wenig Erfahrung haben.
Für das Ruhrgebiet möchten wir

Frau Birgit Malla
Am Heerbusch 2
44894 Bochum
Telefon 0234/265504 empfehlen.

Wenn Sie noch weitere Fragen zur Haltung von Schildkröten im Allgemeinen haben, zögern Sie nicht und rufen Sie uns unter +49 1777316802 an oder schreiben Sie mir unter info@shwev.de

 

Ihre Schildkrötenhilfe Witten e.V.