Welcher Ort ist der Richtige?
Das Anlegen eines Schildkrötengeheges ist der erste Schritt in dieses wundervolle Hobby. Aber was gibt es zu bedenken?
Suche ich mir eine beliebige Stelle im Garten, die mit den anderen Interessen der Familie nicht kollidiert oder habe ich vielleicht an der Seite noch eine schöne Ecke frei?Wenn wir von Interessenten kontaktiert werden, lautet die erste Empfehlung:
“Solltet ihr schon begonnen haben mit dem Gehegebau, stoppt eure Arbeiten und lasst uns Fotos über Whatsapp zukommen, damit wir gemeinsam einen guten Plan ausarbeiten können. Solltet ihr von uns ein Tier übernehmen wollen, gehört ein Beratungsgespräch in unserer Station dazu”

Gerade Einsteiger sammeln sich ihr Wissen im Netz zusammen. Das Problem ist, dass jeder im Netz seine eigenen Ideen als das Maß aller Dinge anpreisen kann, es aber vielleicht selbst nicht richtig macht. Nicht selten sind es die Nachbarn oder der Onkel, die seit vielen Jahren Schildkröten halten und als
Referenz angeführt werden. Davon sind wir leider gar keine Freunde. Nur in den seltensten Fällen ist die Beratung vom Nachbarn so, wie wir uns das vorstellen. In den meisten Fällen hat der Nachbar seine Haltung in den letzten 20 Jahren den neuesten Standards nicht angepasst und rät im schlimmsten Fall irgendwelchen Holzhäuschen und damit zur Kalthaltung. Der Einsteiger kann Richtig von Falsch nicht unterscheiden und da haben wir den Salat 😉
Der richtige Standort des Geheges sollte der sonnenexponierteste Platz im ganzen Garten sein. Unseren Schildkröten fehlen im Verhältnis zum Habitat bis zu 1500 Sonnenstunden im Jahr. Diesen Mangel müssen wir versuchen, zu kompensieren. Manchmal muss man jedoch kleine Abstriche machen. In diesem Fall sollte darauf geachtet werden, dass das Gehege auf jeden Fall so gelegen ist, dass die erste Morgensonne genutzt werden kann, denn Schildkröten sind morgenaktiv. Wenn wir die Interessenten beraten, bitte wir außerdem darum, sich in die Mitte des Gartens zu stellen und ein 360° Video zu erstellen, damit wir erkennen können, wie das gesamte Umfeld aussieht.
Stehen vielleicht Bäume direkt im Osten, an die sich sofort das Haus des Nachbarn anschließt? Handelt es sich gar um einen “Nordgarten”? In diesem Fall raten wir von der Schildkrötenhaltung ab. Wichtig zu wissen ist: Unsere Platz Bewertung orientiert sich nicht nach dem Sommer, wenn die Sonne hoch am Himmel steht und sowieso alles schön, warm und hell ist. Unsere Orientierung bezieht sich auf das Frühjahr und den Herbst, wenn die Sonne niedrig steht
und plötzlich über das Haus des Nachbarn, den Baum oder sonstige Hindernisse, nicht mehr drüber kommt. Das Frühjahr zeigt noch etwas Gnade, da die Bäume noch keine Blätter haben und die Sonne hier und da noch durch die unbelaubten Äste scheinen kann. Der Herbst hingegen zieht alle Register und verschlingt die Sonne in großem Maße. Die einzelnen Bilddarstellungen stellen das Problem detailliert dar.

Morgens
Auf diesem Bild kann man sehen, dass die Morgensonne hinter den Bäumen hängen bleibt. In diesem Fall wäre es besser, man würde das Haus auf die andere Seite, im Westen aufstellen, denn die Sonne müsste erst richtig um die Tannen herum, um auf das Haus scheinen zu können
Nachmittags
Im Osten geht die Sonne auf und scheint schon früh ungehindert auf das G-haus, was für morgenaktiven Tiere besonders ist. In den Nachmittagsstunden verschwindet die Sonne hinter den Tannen, was nicht so schlimm ist, denn oft ziehen sich die Tiere schon gegen 16/17 Uhr zurück.


Von einer Vergesellschaftung von Schildkröten und Meerschweinchen, ist bitte abzusehen! Das ähnliche Futter Spektrum rechtfertigt das Zusammensetzen dieser beiden unterschiedlichen Tiere nicht. Völlig verschiedene Bakterienstämme treffen aufeinander und müssen von beiden Arten kompensiert werden müssen. Außerdem fressen Schildkröten den Nagerkot, was völlig unsinnig ist. Letztlich geht es um den Respekt gegenüber jedem Tier. Beide Arten haben ganz spezifische Ansprüche, deren Umsetzung diese Hobbies erst richtig interessant machen. “Ach, ist doch egal- passt doch”, ist keine verantwortungsvolle Einstellung. Niemand ist gezwungen, Schildkröten zu halten. 😉
Auf diesem Bild sieht man die Verwendung eines ausgedienten Spielhauses der Kinder. Was hier noch auffällt ist, dass das Frühbeet, unter das Spielhaus gestellt wurde, sodass ein Auftreffen der Sonnenstrahlen nahezu unmöglich ist.

Dies ist eine gar nicht so seltene Situation. Der Interessent lebt wunderschön am Waldrand und gliedert das Gehege in diese scheinbar wunderbar passende Nische ein. Da unten Süden ist und sich mit etwas Glück dort eine offene Fläche anschließt, wird dort im Sommer in den Mittagsstunden eine geraume Zeit die Sonne hineinscheinen. Dies reicht niemals aus, um eine Schildkröte artgerecht halten zu können. Bitte denke nochmal um und wenn es keinen annähernd geeigneten Platz gibt, empfehlen wir, dieses Hobby wieder loszulassen.
Dieses Bild zeigt einen klassischen “Nordgarten”,in den wir z.B. nicht vermitteln. Der Vorgarten steht den ganzen Tag in voller Sonne. Nur zu einem viel zu geringem Tagesanteil wirft die Sonne ihre Strahlen über das Haus. Diese Böden weisen meist eine hohe Feuchtigkeit, bzw Vermoosung auf. Das Schildkrötengehege im Vorgarten anzulegen, ist möglich, muss jedoch aufgrund evtl Verschmutzung durch Vorbeilaufende, oder sogar Diebstahl, gut durchdacht sein.

Eigentlich ist es egal, welche Himmelsrichtung wir wo haben. Es wird nicht rund. Die beste Variante wäre, dass unten Osten ist, vorausgesetzt, dass dort kein Haus steht. So könnte die Sonne morgens auf das Gehege scheinen. Im laufe des Jahres wandert die Sonne jedoch, so dass sich dies nur auf einen begrenzten Zeitraum der Saison bezieht. Im Frühjahr und im Herbst steht die Sonne niedrig und wird von den Häusern regelrecht verschlungen. Ein Gehege in einer “Flucht” zu bauen ist immer unklug.
Dies ist zugegeben ein etwas übertriebenes Bild, aber es dient der Darstellung des Themas. Hier kommt alles zusammen: Terrassenhaltung ohne gutes Bodenklima, umgeben von Häusern, die eine Sonneneinstrahlung so gut wie unmöglich machen und zuletzt noch eine Pergola, die das letzte Bisschen Sonne schluckt. ☹️

Was für das menschliche Auge sehr schön aussieht, hat mit guter Schildkrötenhaltung nichts zu tun. Nehmen wir an, das Bild stellt die Südseite dar, so fehlen trotzdem die so wichtige, offene Ostseite und da der Balkon eine Nische ist, auch die viel zu früh schattig werdende Westseite. In diesem Fall besteht die Brüstung noch aus Gitterstäben. Nicht selten befindet sich dort eine geschlossene Wand. Der wichtigste Punkt ist jedoch, dass wir im ersten, zweiten oder dritten Stock niemals das dringend benötigte, ausgewogene Boden Mikroklima simulieren können. Dies gilt als Hauptpunkt bei allen folgenden Bildern
Tatsächlich ist dies der sonnenexponierte Platz, den wir uns eigentlich wünschen. Es ist jedoch weder artgerecht, die Tiere auf der Dachterrasse einfach umher laufen zu lassen, noch sie in einem erhöhten “Gehege” zu halten. Gerade Jungtiere werden gerne in den “Gehegen auf Beinen” gehalten. Jedoch ist gerade hier das Thema mit dem Boden Mikroklima besonders wichtig. Jungtiere, denen im Wachstum die gesunde Erdfeuchte fehlt, entbehren den wichtigen Punkt der kontinuierlichen Feuchtigkeitssättigung des Körpers. Hieraus entsteht ein Mangel, der unter anderem zur Höckerbildung führen kann.
Diese beiden Bilder zeigen Möglichkeiten, wie es optimal sein könnte. Das obere Bild zeigt einen Südgarten. Im Osten stehen nur kleine Rabatten, die ungehindert die Morgensonne durchlassen. Im Westen stehen höhere Büsche, die wir durchaus kompensieren können, da Schildkröten eher auf die Morgensonne angewiesen sind und sich nachmittags in der Regel schon zurückziehen. Sollte es zu heiß werden, kann man das G-haus abhängen. Weitere, wichtige Schattenspender sollten in das Gehege eingearbeitet werden. Für Schatten können wir sorgen- für Sonne nicht !
Auf dem unteren Bild wird perspektivisch deutlich, dass wir in einem Garten mit Hanglage, immer die höchstmögliche Stelle wählen um das Gehege auf eine “Anhöhe” setzen, um Schattenbringer auszuhebeln. Ein Gehege in einer Senke zu erbauen, bringt kein Glück- es wird immer zu dunkel und zu kalt sein.

