Skordes Glück im Unglück, wie es schöner nicht sein könnte

An einem Abend, als der Tag schon fast rum war, rief mich noch Jenna aus dem Tierheim Bochum an.
Regelmäßig nehmen wir von dort die Fundtiere auf und kümmern uns um sie. Dieser Anruf wurde aber begleitet von einem Video, das nichts Gutes verhieß.
Ein Ehepaar hatte bei einem ganz normalen Spaziergang eine Schildkröte gefunden und traute ihren Augen nicht.
Das Tier wies ein abgerissenes, oder vielleicht auch abgebissenes Bein auf. Nur noch ein, bis kurz über die Schulter
ragender, schon nekrotischer Stumpf, ragte aus dem Panzer.

Offenbar war die Verletzung schon bestimmt 2-3 Wochen alt. Maden hatten sich schon recht weit eingefressen
und man mag sich die Schmerzen nicht vorstellen.
Schnell bin ich ins Auto gesprungen und habe das Tier aus dem Tierheim abgeholt.
Zwischendurch hatte ich Kontakt zu unserer Vereinsärztin Birgit Malla aufgenommen und alles Weitere besprochen.
Die Erstversorgung wie Entfernen der Maden, Wundspülung und natürlich Versorgung mit einem Schmerzmedikament
wurde bei uns in der Station durchgeführt. Für die Zwischenzeit wurde „Skorde“ warm und dunkel gesetzt
und wenig später wurde die Amputation eingeleitet.

Das große Glück war, dass noch genug Knochen da war, der amputiert werden konnte.
Somit konnte durch die Entfernung des nekrotischen Gewebes eine neue, frische Wunde geschaffen werden.
Die OP war recht kompliziert, da z.B. hier die Gefahr recht groß war, dass sowohl die Schultergürtelmuskulatur, die zur aktiven Atmung benötigt wird,
als auch das große, direkt daneben verlaufende Gefäß, sowie die nahen Nerven verletzt werden konnten.
Schildkröten besitzen kein Zwerchfell und sind deshalb dringend auf die seitlich und vorderseits der Lungen laufenden Muskeln zur Atmung angewiesen.
Außerdem hat Skorde sehr viel Blut verloren.

Nach 1,5 Stunden war alles geschafft und die Wunde konnte verschlossen werden.
Skordes Geschichte erinnert mich sehr an den kleinen „Henner“, der vor 10 Jahren von Birgit Malla amputiert wurde,
nachdem er in Hasendraht hängen geblieben war und sich dort das Bein abgerissen hatte.
Henner hatte damals auch alles gut überstanden und wir hofften, dass es bei Skorde auch so sein würde.
In ihrem Quarantänebereich mit Wärmelampe, wurde die kleine Glücksfee regelmäßig ausreichend mit Schmerzmedikamenten versorgt.
Den Rest musste die Zeit, die Ruhe und die artgerechte Haltung bringen.
Scorde erwies sich als sehr dankbare Patientin. Sie hatte ständig Hunger, lief trotz der erheblichen Verletzung und des Verbandes
eifrig durch die Gegend und man hätte meinen können, es sei gar nichts gewesen.
Mittlerweile ist Scorde, die eine Testudo graeca nabeulensis ist, komplett genesen und lebt mit ihren beiden Kolleginnen
Jütte ( Testudo graeca graeca) und Brieda (Testudo graeca soussensis) ein friedliches Leben in unserer Station.
Alle drei Weibchen haben bei uns einen Gnadenplatz.